lochstab  hohle fels
lochstab detail
lochstab bei freilegung
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experiment lüttich
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Werkzeug zur Seilherstellung


Sonderpräsentation

Schon vor 40.000 Jahren haben Menschen ein spezielles Werkzeug zur Herstellung von Seilen genutzt. Der Höhepunkt der Ausgrabungskampagne 2015 am Hohle Fels bei Schelklingen war die Bergung eines außergewöhnlich gut erhaltenen Lochstabs aus Mammutelfenbein. Der Fund konnte aus insgesamt 15 Bruchstücken zusammengesetzt werden, trotzdem ist das Grundmaterial Mammutelfenbein außergewöhnlich gut erhalten.
Das sorgfältig geschnitzte Stück aus Mammutelfenbein ist 20,4 Zentimeter lang und diente dazu, Pflanzenfasern zu Seilen zu drehen, wie Tests an der Universität Lüttich in Belgien zeigten.

Aus dem Fundhorizont AH Va stammen allein aus der Grabungskampagne 2015 über 6.000 Steinartefakte und viele Stücke aus Elfenbein. Die entsprechenden Fundschichten des archäologischen Horizontes V gehören in die Technikkultur des Aurignacien und sind zwischen 42.000 und 34.000 Jahre alt.

Der Lochstab hat drei vollständig erhaltene und ein ausgebrochenes Loch. Der vermutete Haltegriff des Objekts ist verjüngt und leicht gebogen. Die Durchmesser der Löcher betragen sieben und neun Millimeter. Auffällig ist die Perfektion, mit der die gebogenen Kerben an den Lochkanten geschnitzt sind. An den vollständigen Löchern sind es jeweils sechs Kerben, sowohl auf der einen Seite wie auch der anderen Seite. Die Kerben der beiden Seiten haben keine Verbindung untereinander. Bei allen Löchern entstand durch die Kerben zum Lochzentrum hin eine gezackte Oberfläche, und es ist unklar, ob die Zacken oder die Rillen oder möglicherweise beides zur Funktionalität beitrugen. Die Kerben sind noch sehr scharfkantig, was dafür spricht, dass das Objekt kaum benutzt oder während der Herstellung zerbrochen ist.

Immer wieder werden bei Ausgrabungen in Fundschichten der Jüngeren Altsteinzeit (43.000 bis 10.000 Jahre vor heute) in ganz Europa Stäbe mit einem oder mehreren Löchern entdeckt. Häufiger sind es Geweihstangen mit einem großen Loch, seltener sind es Objekte aus Elfenbein mit mehreren kleinen Löchern.
Über die Funktion der Lochstäbe wird nach wie vor gerätselt. In früheren Jahren wurden diese Objekte gerne als Kult- oder Zeremonialstäbe angesehen. Diese Sichtweise hat sich aber inzwischen gewandelt. Die Lochstäbe werden im Bereich der Alltagswerkzeuge gesehen. Ein ähnlicher, zeitgleicher Lochstab mit vier Löchern stammt aus dem benachbarten Fundplatz Geißenklösterle bei Blaubeuren. Dieser wurde von Joachim Hahn von der Universität Tübingen ausgegraben. Auch aus den 1930er Jahren stammen entsprechende Funde vom Vogelherd, allerdings mit geringerer Lochzahl. Aus der französischen Fundstelle Solutré stammt ein deutlich jüngerer Lochstab mit einem einzelnen größeren Loch, aber einer gleichen Kerbspirale am Rande der Öffnung. Die genannten Beispiele haben die Gemeinsamkeit, dass das Innere und die Flächen am Rande der Löcher durch extrem sorgfältig geschnitzte, gebogene Kerben gekennzeichnet sind, fast wie ein Gewinde.

In Experimenten an der Universität Lüttich durch Dr. Veerle Roots wurde die Tauglichkeit des Werkzeugs zur Herstellung von Seilen oder Schnüren getestet. Mit einem nachgebauten Lochstab konnte innerhalb kürzester Zeit ein dickes Seil mit mehreren Metern Länge gewunden werden. Durch die einzelnen Löcher werden dabei Rohrkolbenpflanzen hindurchgeführt. Durch das Gewinde werden die einzelnen Stränge gegeneinander gedrillt und durch Drehung des gesamten Werkzeugs miteinander gekordelt.

Dieses Werkzeug hat für die Erforschung der alltäglichen Fertigkeiten des eiszeitlichen Menschen eine große Bedeutung. Seit vielen Jahren wird in Fachkreisen darüber diskutiert, dass Seile und Schnüre während der Altsteinzeit eigentlich überlebensnotwendig waren und damit häufig gewesen sein müssen, Belege dafür aber so gut wie fehlen. Es gibt lediglich Abdrücke in Ton und Darstellungen in der Eiszeitkunst. Nun ist der Durchbruch gelungen und eine effiziente Methode der Seilherstellung wurde nachgewiesen.

Das Werkzeug stammt - wie die Venus - aus der Zeit, in wir heutige moderne Menschen unsere Gegend erstmals erreichten.


Das Elfenbeinwerkzeug wird in einer kleinen Sonderpräsentation im Ruhebereich im Obergeschoss des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren (urmu) gezeigt.



  • Urgeschichtliches Museum Blaubeuren
  • Kirchplatz 10
  • 89143 Blaubeuren
  • Telefon: 07344 9669-90
  • Fax: 07344 9669-915
  • info@urmu.de
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